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Das erste Mal im Sattel - ein Erfahrungsbericht

Lippische Landeszeitung vom 27./28. Dezember 2003

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"I'm a poor lonesome cowboy..."

Das erste Mal im Sattel - ein Erfahrungsbericht

Extertal-Linderhofe. "Denken sollte man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf", sagt der Volksmund und liegt damit wieder mal völlig daneben. Das Denken sollte der Reiter auf keinen Fall dem Pferd überlassen, sagt Erich Busch. Das spüre ich gerade am eigenen Hintern, denn Merlin geht rückwärts.

Dabei haben wir das gar nicht abgemacht, der Merlin und ich. Bis eben gings noch so schön vorwärts. Erich Busch weiß die Lösung: "Sie haben sich nach vorn gelehnt und den Sattel hinten entlastet. Das ist für ihn das Zeichen, rückwärts zu gehen. Setzen Sie sich mal wieder richtig gerade hin." Gesagt getan. Ah, Merlin steht. Was mein Partner auf Zeit alles merkt, und das auch noch durch den monströsen Westernsattel. Äußerst sensibel das Tier.
Merlin ist ein weißer Araber-Wallach und gab sich bisher kreuzbrav. Er trägt mich, den LZ-Redakteur und Möchtegern-Cowboy auf Selbsterfahrungs-Ritt auf seinem Rücken durch die Reithalle auf Buschs Hof in Linderhofe.
Erich Busch, Pferde- und Reittrainer aus dem Extertal, gibt Volkshochschulkurse für eine Einführung in das Westernreiten. In vier Stunden lernen Interessierte die Grundbegriffe dieser Technik - in diesem Jahr bei der VHS Lemgo, im nächsten Jahr auch bei den Volkshochschulen von Bas Salzuflen, Rinteln und Lippe-Ost. Das ist bundesweit einmalig. Dazu treffen sich junge und Alte, Umsteiger von der klassischen Reiterei, die mit ihren bisherigen Reiterfahrungen nicht zufrieden sind und absolute Greenhorns wie ich. Außer einer Jeans, Handschuhen und festen Schuhen muss man nichts mitbringen. Das schreit geradezu nach Selbsttest. Und außerdem wollte die infantile Seite in mir schon immer mal Reiten wie der "Marlboro-Mann". Im Kino sieht das ja auch immer so cool aus. Bloß gut, dass wir hier nicht im Kino sind. Merlin und ich geben eher ein Bild ab, als wären wir schon stundenlang in der Prärie unterwegs. Gemütlich trottet der Wallach in die Runde und wartet auf meine Kommandos. Zügel ist nicht. Aber es geht auch nur mit den Beinen und dem Körper. Rechte Hacke an die Flanke legen, linke weg und leicht nach rechts lehnen - Merlin biegt nach rechts ab. Anders rum gehts nach links. Beide Absätze nach unten, die Fußspitzen  hoch und einmal "hooh" - Merlin steht.

Ist ja zauberhaft.  "Das ist ein System, das das Pferd kennt", sagt Busch. "Wenn der Reiter das System beherrscht, dann kann er reiten", sagt Busch. Das hört sich so einfach an, und ist doch so kompliziert. Denn das Pferd soll ja nicht raten müssen, was der Reiter denkt. Es geht um klare Ansagen, deutliche Befehle, mit einem Wort: Kommunikation.
Aber ohne Sprache. Dabei ist die Botschaftsübermittlung von Sender zu Empfänger ja schon schwierig genug, wenn man miteinander reden kann. Merlins Ohren sind gespitzt, aber genauen Wortsinn verstehen wird er wohl dennoch nicht. Körperbewegungen, Schenkeldruck, Hacken und leichte Bewegung an dem Halsring, dem ihm Busch jetzt umwirft, die kann er hingegen entschlüsseln. Doch diese Sprache muss der Mensch erst einmal lernen. Er ist es, der kapieren muss, dass ein Pferde wie Merlin ersten langsam denkt und zweitens sich nur bewegt, wenn es sein muss. Was für Busch um Umkehrschluss heißt, dass Kensequenz an die Stelle von Zwang um Umgang mit dem Pferd tritt. "Wenn das Tier anhalten soll, aber noch drei schritte nach vorn geht, muss es eben drei Schritte zurück gehen. So lernt es, dass es besser und einfacher ist, zu gehorchen." Dazu gehöre aber auch, dass das Pferd dem Menschen und seinen Befehlen vertrauen könne." Was heißt, dass die "Sprache" klar und eindeutig sein muss. Und jetzt wird es fast philosophisch auf dem Pferderücken. "Das Pferd braucht klare Grenzen", erläutert Busch. "Wenn es Sie versteht, akzeptiert es Sie auch. Es geht also um Klarheit, schwarz und weiß. Aber wir Menschen werden dazu erzogen, das intensive Grau zu suchen, nachzugeben, Kompromisse zu machen. Das verwirrt ein Pferd." Die Folge: Es werde eben kein sicherer, entspannter und gehorsamer Freizeitpartner. Im Sattel beschleicht mich das Gefühl, dass Pferde und Menschen so unterschiedlich gar nicht angesprochen werden sollten. Und dennoch: "Diese Kommunikation den Reitern beizubringen, ist das Schwierigste", sagt Busch. Die Menschen sollen das Pferde "lesen" lernen, erkennen, wann es entspannt ist, wann es überfordert oder irritiert reagiert. Für den Trainer sind da Grundbegriffe im Umgang mit den Tieren. Aber in der Klassischen Reiterei wird darauf seiner Meinung nach zu wenig Rücksicht genommen. "Die Leute wollen die hohen Weihen der Reitkunst, aber sie lernen das grundsätzliche Handwerkszeug nicht. Die Reitsysteme a´ la Beerbaum sind für die Freizeitreiterei nicht geeignet. Aber alle wollen Reiten wie Beerbaum. Das ist so ähnlich, als wenn Fahrschüler Formel 1 fahren wollen", sagt Busch. Von der Philosophie zurück in die Reithalle. "Jetzt machen wir das Ganze etwas schneller", sagt Busch. "Also, bringen Sie ihn mal zum Traben. Etwas Druck nach innen." Ich spanne die Beinmuskeln an, Merlin schreitet voran. Es braucht etwas, bis wir eine Sprache gefunden haben. Aber dann trabt der Schimmel tatsächlich eine Runde durch die Halle. Ein erhebendes Gefühl! Wo bitte, gehts hier zur Prärie? Doch für mit geht es zurück ins Büro und für Merlin in den Stall, die Schnupperstunde ist beendet. Praktikantin Astrid Schröppe sattelt ihn ab, und der Wallach nutzt die Gelegenheit, um sich ausgiebig im Staub zu wälzen. Nach so viel Schwarz und Weiß darf es für ihn jetzt ein wenig intensives Grau sein.

Von Thorsten Engelhardt